Fr. Feb 23rd, 2024

Wenn die Menschheit noch weiter bestehen bleibt und sich nicht in Kriegen gegenseitig vernichten wird, bleibt eigentlich nur eine Lösung, die Schaffung einer gemeinsamen, starken, überstaatlichen Organisation. Dieser Gedanke ist nicht neu, er durchzieht schon lange das Denken kluger Männer auf der Erde.

Nikolai Maim ( ein bedeutender estnischer Professor für Verfassungsrecht, 1884 – 1976) hat angesichts des Ende des zweiten Weltkrieges und der UN Gründung 1949 im Exil aus Stockholm einen interessanten Beitrag zur möglichen Entwicklung der menschlichen Gesellschaftsform geliefert.

Bild von einem estnischen Buch, Titel im Deutschen: Weltkenntnis oder Weltwissenschaft

Hier einige Gedanken daraus, der gesamte Aufsatz findet sich weiter unten abgebildet.

Das Wort “Welt” wird bis heute leider immer noch hybrisch wie aus dem frühen Mittelalter benutzt mit dem Gedanken der Mensch und sein Leben auf der Erde wäre das Zentrum, anstelle “Welt-” wäre es angebracht “Erd-” … zu benutzen! Denn bei einer Weltmeisterschaft habe ich noch keine Ausserirdischen teilnehmen sehen.

“Staat und Weltorganisation”

“Der Staat ist die Verkörperung der Macht im äusserlichen menschlichen Dasein. Die Kirche hat dieser Macht göttlichen Ursprung zugesprochen; als die kirchliche Autorität erschüttert war, hat die Staatsphilosophie den Staat selbst zum sterblichen Gott erklären wollen. Als späte Nachwirkung dieser Vergöttlichung in der Gegenwart hat der Faschismus den Gedanken des allmächtigen Staates aufgegriffen. Ist aber der Staat allmächtig? Der Widersacher des Staates ist sein bildendes Element, der Einzelmensch, das Individuum, das ein Wesen für sich ist und dessen Natur dem vollständigen aufgehen im Staat widerspricht.”…Die Staaten sind Einheiten für sich, unabhängige Gemeinwesen, die sich gegenseitig behaupten, nur durch ihren eigenen Willen bestimmt; im Rechtssinn werden sie souveräne Gemeinwesen genannt. Es versteht sich, das zwischen solchen Gemeinwesen keine dauernden geregelten Beziehungen bestehen, das also die zwischenstaatliche Anarchie vorherrscht, sofern die Staaten nicht freiwillig Regelungen zulassen. … Die Staaten erschienen nicht als rein antionale Gebilde, sie sind meisten Gebilde aus mehreren Völkerschaften, unter Vorherrschaft einer derselben. … die zwischenstaatliche Anarchie, der Naturzustand der Staaten, muss geändert werden, soll das Menschengeschlecht sein Dasein weiterführen. In der Gegenwart ist diese Frage aber sehr akut geworden. Bisher haben die Staaten bei der Regelung ihrer Beziehungen zu allen Mitteln gegriffen, gegebenenfalls zu Gewaltmitteln, die in Krieg und Ausrottung des Gegners gipfelten;

Somit hätte die Entwicklung den Staat als höchste Gemeinschaftsform überholt

Diese überlegene Daseinsform ist die Weltorganisation. … Der erste Weltkrieg hatte zur Folge die Errichtung des Völkerbundes, einer beständigen Organisation, die jedoch missglückte, indem ihre Tätigkeit sich nicht so sehr als eine selbstständigen Führung einer zielbewussten überstaatlichen Organisation erwies, sondern bloss als einer der Methoden, die ihre selbstherrlichen Regierungen in den zwischenstaatlichen Beziehungen nach Belieben anwandten oder fallen liessen.

Damit wäre man zur letzten Konsequenz der möglichen Entwicklung gelangt: da die Staaten nicht imstande sind den Frieden zu erhalten, der eventuelle dritte Weltkrieg aber der Menschheit als Ganzheit mit dem Untergang droht, muss die Erhaltung des Friedens zur Aufgabe einer neuen Organisation gemacht werden, der die Einzelstaaten unterstellt sind.

Die sich durchsetzende Autorität kommt wie dem Staat so auch der Weltorganisation zu, sonst wäre ihr Zweck nicht zu erfüllen. … Da die Weltorganisation alleinig ist, stehen ihr keine gleichwertigen Partner gegenüber; sie steht nicht im Wettkampf mit ihresgleichen, die Staaten aber sind Mitglieder nicht Konkurrenten der Weltorganisiation. … Man kann sagen ads in einem weltumfassenden Gebilde, das aus sehr verschiedenen Teilen besteht, die Herrschaft zu versagen beginnt und die Urbetätigung jeglicher Organisation, die Zusammenarbeit, umso schärfer hervortritt.

Offensichtlich sind die Gemeinschaftsbeziehungen bei 100000 Primitiven anders als bei 100000 Millionen Zivilisierten, anders bei einer Millirade vor einem Jahrhundert als bei zwei Milliarden heute und bei vier Milliarden Menschen in 100 Jahren. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass das Anwachsen der Menschheit aufhören sollte, und so muss angenommen werden, das in den kommenden hundert Jahren für zwei Milliarden Menschen zusätzliche Lebensmöglichkeiten gefunden werden müssen, die jetzt schon eng sind, d.h. Ansiedlungsgebiete, Ernährungsmengen, Wohnungen, produktive Arbeit usw. …

Noch in einer anderen Richtung ist eine weltweite dringende Zusammenarbeit durch die Weltorganisation erforderlich: Einhalt zu tun dem Zerstörungsprozess der Fruchtbarkeit der Erde, der Erosion, die die grösste Gefahr für die Ernährung der rapid anwachsenden Weltbevölkerung darstellt.”

Seine Prognose des Anwachsens der Erdbevölkerung war noch sehr vorsichtig. In unserer heutigen Lage mit 8 Milliarden wird das Problem von Ressourcen, Ernährung, Siedlungsraum immer grösser, und globaler, auch die stärker werdenden Migrationsbewegungen tragen dazu bei. Eine Abschottung in Nationalstaaten ist nicht nur ein Rückzug in eine zeitlich sehr eingegrenzte Kapsel von Pseudounabhängigkeit ist, sondern längst durch internationale Waren und Kapitalbewegungen und deren Eigner obsolet geworden.

Nicht ohne Hintergrund hat das Putin kurz vor seinem Angriffskrieg in der Ukraine ausführlich dargelegt, das er die Dominanz der USA als Erdpolizei nicht weiter so hinnehmen wird. Nach 1989 hat Russland deutlich an seiner Rolle als Weltmacht eingebüsst, wirtschaftlich als auch politisch. Nur die Atomwaffen haben Russland noch einen gewissen Status von Weltmacht erhalten. Als dritter Faktor ist China hinzugekommen. Konträr zu Russland versucht China im wesentlichen nur durch seine starke Wirtschaft Einfluss auf andere Staaten auszuüben, Russland nur durch Militär, und USA mit beiden Mitteln. Wobei was die Wirtschaftskraft der USA betrifft da doch erhebliche Misstände aufzuweisen wären.

Der Gedanke des Autors war eben nicht, das ein Staat als Erdmacht die Oberhand gewinnen wird, sondern alle bisherigen Staaten sich einer gemeinsamen Regierung unterwerfen, an welcher sie demokratisch beteiligt sind, ich würde noch ergänzen, unter Abbau der Bürokratie der einzelnen Staaten. Doch mit unserer Demokratie ist nicht “viel Staat zu machen”. Obwohl wir alle digitalen und Kommunikationsmöglichkeiten haben fast jeden Bürger auf der Erde an Entscheidungen direkt zu beteiligen, durch Referenden welche elektronisch durchgeführt werden, bleibt unser heutiges Staats- und Machtgefüge pyramidial wie im Mittelalter.

Worauf der Autor nach Gründung der UN anspricht und wohinein er seine Hoffnung legt, ist leider dasselbe wie der Völkerbund, ein zahnloser Tiger.

So bleibt vorerst der Gedanke eine allgemeinen Erdherschaft mit einem Erdparlament nur ein ferner Schimmer am Horizont, und wenn das Licht nicht grösser wird, könnte sich bald Dunkelheit über unseren Planeten ausbreiten

2 Gedanken zu „Ein übergeordneter Staat auf der Erde als Friedenslösung, von einem estnischem Verfassungsrechtler“
  1. Für mich ist so eine Vision nicht erstrebenswert.
    Wenn alles vereint ist, braucht ein Oberarschloch nur einen Hebel umzulegen, um alle effizient zu schikanieren. Haben wir Vielfalt, muß er zu jedem einzeln hingehen.
    Es hat wenig Sinn, nach Demokratie oder direkter Demokratie – womöglich noch elektronisch – zu rufen. Sinn macht Demokratie erst in Kombination mit möglichst kleinen Verwaltungseinheiten. Je 150 Leute brauchen wir einen Bürgermeister, und der wohnt mitten unter ihnen. Und das Flüchtlingsheim oder das Windrad oder die Jauchegrube kommen genau mittenrein. So spürt jeder seine Konsequenzen persönlich und erwirbt im Raketentempo seine Entscheidungskompetenz.
    Über Klimawandel, Krieg und Pandemien entscheidet man am besten gar nicht. Im Idealfall hat man schon genug Stress mit seiner Nachbareinheit.

    1. Basisdemokratie ohne globale Entscheidungsmöglichkeiten wäre mehr als das Nichts was wir bisher haben, hatten wir aber eigentlich nie, ausser vielleicht zu Beginn der Menscheitsgeschichte, als noch ein paar Millionen sich über die Erde erstmal weitgehend isoliert verstreuten in den oben angesprochenen “Verwaltungseinheiten”
      Das Kaleidoskop der Dinge, die am Menschen kleben wie Kletten, welche wir Kleider nennen um uns vor den Unbilden der Natur zu schützen, ist nur der Wille mehr zu sein als man ist.

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