Mo. Apr 22nd, 2024

Reise nach Russland vom 6.3.2024 – 20.3.2024

Die nächsten Tage etwas Stadtbesichtigung, man kann Kilometer durch Petersburg wandern bis einen die Füsse nicht mehr tragen wollen und sich an der Architektur satt sehen. Allerdings, wenn man genauer hinschaut, sieht man das doch auch vieles leersteht.

Die Verbindung zu Europa ist noch nicht vollständig vergessen, auch wenn Europa selber Russland die Türen verschliesst.

Die Newa ist gerade erst aufgetaut, die Seitenarme und Kanäle noch alle zugefroren, Eisgang bgildet sich auf der Newa:

Die Metrostationen sind immer anders gestaltet, mitunter kann man keinen Zug sehen, sondern in der Mauer öffnen sich nur Zugangstüren.

Mitunter gibt es kleine Blitzeinlagen zwischen den Metrostationen, zum einen laufen ein paar Händler mit Bauchladenwaren herum um einen kleinen schnellen Verdienst zu erlangen. Oder es gibt LIve Musik:

Das muss alles sehr schnell gehen, da auf den Bahnsteigen immer Miliz und Sicherheitsbeamte zu finden sind, die das wohl nicht tolerieren würden.

Dann eines abends ein edeles Restaurant gefunden, wo das Petersburger Nachtleben sich bewegt, interessanterweise war das Restaurant mit grosser Bar überall mit deutschen Trinksprüchen dekoriert.

Ja, die deutsche Biertradition hat in Russland immer noch grosse Bedeutung, wie man auch am Importbier sehen kann:

Auf dem Heimweg noch die grossartige Beleuchtung bewundert:

Dann zum Bahnhof, Metrostation Ladozhskaya, gefahren um ein Ticket für den Zug nach Kirow zu kaufen, dort noch eine kleine Tafelausstellung zur grausamen Einkesselung von Leningrad betrachtet wo ca. 1 Millionen Menschen verhungerten. Putin hat übrigens die Situation im Gaza damit verglichen, nicht ganz zu unrecht.

Der unfreiwillige Hospitalbesuch

André ein Bekannter, von Bruno in Liepaja, kam in meinem Hotel abends vorbei um ein Buch abzuholen was ich für ihn mitgenommen hatte. Dann entschieden wir uns gemeinsam etwas zu trinken, ich hatte noch etwas Cognac auf dem Tisch, er informierte seine Frau das er das Auto stehen lassen würde und später mit Metro oder Bus zurückkommen würde. Da der Rest Cognac nicht genug war kauften wir noch eine Flasche in der Nähe bei einem Magazin.

Es stellte sich heraus, das er auch ein Bücherkunde von mir ist. Er forscht über die Geschichte Liepajas, da seine Vorfahren von dort kommen, er hat schon 3000 Bücher und Dokumente dazu gesammelt und meinte, auch in der Nähe von Pilten hätte es ein Militärflughafen des 51. Jagdgeschwaders gegeben. Er hat einen guten Job für PVC-Herstellung und ist bevor Corona jedes Jahr nach Libau gereist, jetzt mit dem Krieg kann er nicht mehr über Finnland nach Lettland einreisen. Wie befürchteten beide das bald alle Grenzen zu Russland komplett geschlossen werden von Seiten Europas. Zur Zeit könne er noch über Italien mit dem Flugzeug einreisen aber er hat Flugangst.

Internet Verkäufe wurden seiner Meinung nach in Corona Zeiten um ein Vielfaches gesteigert. All die Leute die damals und auch danach ihre Jobs und Existenzen verloren haben, wo sollen sie hingehen, – in die Armee!

So ging das Gespräch weiter auch über einen Militärbuch was ein Bekannter von mir in Pilten sucht. Er versprach es zu besorgen. Dann muss ich irgendwie bewusstlos auf dem Boden in meinem Zimmer gelegen haben und er hat die Ambulanz angerufen, da er Halluzinationen gehabt hat und dachte, ich wäre vielleicht tot. Die Männer von der Ambulanz kamen dann auch und hatten den Verdacht einer eventuellen Vergiftung durch Nowitschok oder ähnliches und haben deshalb auch noch zusätzlich die Miliz gerufen. Mehr wusste er dann auch nicht mehr, er hatte meine Notizblock noch eingesteckt ich habe etwas Geld verloren auf dem Weg ins Hospital oder die Miliz hat wahrscheinlich auch einen Anteil genommen und auch sein teures Taschenmesser entwendet. Dies alles habe ich später von Andre erfahren, den seine Frau dann in der Nacht auch sturztrunken abgeholt hatte, er hat am nächsten Tag nur im Bett gelegen, wie er mir schrieb.

Mit Katheter auf der Bahre festgeschnallt an Händen und Füßen dachte ich mir, welcher Film wird hier gespielt, als ich Spätvormittags erwachte. Wurde dann bald entlassen mit dem Hinweis ich sollte heute nichts mehr trinken.Vom Hospital aus ohne Geld mit Bus gefahren und die Sicherheitsleute in der Metro ebenso überredet mich durchzulassen.

Die Geschichte mit dem Hospital war, wie ich später zu Alexander sagte, ein Gentleman Agreement. Ich habe die Situation auf Teufel komm raus provoziert mich bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken. Dafür hat man in Russland durchaus Verständnis, deshalb wurde daraus auch kein großes Aufsehen gemacht. Der ganze Einsatz, wenn ich ihn offiziell bezahlen hätte müssen … Wo ich am nächsten Nachmittag nach der Befreiung aus dem Hospital unbedingt Geld wechseln musste, und im Hotel an der Rezeption fragte, die das anscheinend nicht machen konnten, fiel mir der Pförtner ein, mit dem ich immer ein bisschen geplaudert habe, und der mir auch gleich wo ich ins Hotel zurückgekommen bin zwei Reparaturbier anbieten wollte, weil er ja wusste was passiert war. Deshalb sprach ich ihn an ob er mir eventuell 20 € gegen Rubel einwechseln kann. Wie viel Rubel ich denn dafür haben wollte, meinte er, und ich sagte 170 Rubel wären in Ordnung. Und dann bin ich wieder zurück an die Spasskaya Metrostation gefahren weil dort hatte ich zum einen ein paar Schuhe zur Reparatur und zum anderen wollte ich noch eine Geldwechselbude suchen die glücklicherweise auch in der Nähe war. Die Schuhe abgeholt und dann wieder zurück mit der Metro zur Station Lesnaya dort noch ein Bier mit einem Russen in einer kleinen Bierbude getrunken.

Mit der transsibirischen Eisenbahn eine Teilstrecke nach Kirow

Heute nun auf dem Weg nach Kirow, ca 1000 km östlich Petersburg, lange überlegt ob ich die Reise abblasen sollte, aber Ticket war schon gekauft und was sollte einem sonst noch passieren? Da war selbst mein erster Ausflug nach Petersburg 1999 noch gimpflich abgelaufen anstelle im Hospital aufzuwachen 5 Stunden in der Straßenbahn im Kreis gefahren und kein Geld verloren. Draußen sieht es immer noch aus wie im kalten Winter und der Zug trödelt wie gewohnt durch die grau-weiße Birkenlandschaft.

Ein junger Mann, Programmierer, schlechtes Englisch, er liebt die deutsche Sprache, ” sie sei monumental, eine der härtesten Sprachen”, also, wie Russisch.

Die Menschen sind etwas irritiert das ich als Deutscher mit so wenig Sprachkenntnissen in Russland unterwegs bin. Allerdings meinte am nächsten Morgen eine Schaffnerin das ich sehr gut russisch könne und verstehen würde. Es waren einmal ein Amerikaner und ein Iraner im Zug unterwegs und die hätten überhaupt nichts verstanden.

Die Ferne kann einen aber nur dann locken, wenn alles in dieser Ferne neu, anders, ja geradezu unverständlich ist. Ist es der Hauch von Angst welcher einen auf so einer Reise ergreift? Um in unkontrollierte Situationen zu gelangen? Umso das eigene wirkliche Leben noch mal zu spüren.

Man sagt so dass in Russland die Dörfer äußerlich und innerlich verrottet sind aber ist das in Europa nicht ähnlich? Man schau mal in Ostdeutschland, oder die verlassenen Dörfer in Italien, Griechenland Spanien….. es wird überall nur mit Wasser gekocht. Aber die Städte wachsen weiter, werden immer teurer, auf diese Weise schon wird die Zweiteilung vorangetrieben. Die Sklaven, Dienstleister in den Städten, in billigen Randgebieten dahinvegetierend und die Reichen lassen sich bedienen ohne Ende und mit steigender Arroganz.

Internet ist relativ schwierig zu bekommen nur in den Hotels in Petersburg geht es, ansonsten muss man sich mit einer russischen Telefonnummer registrieren um WLAN oder WiFi zu empfangen aber oft geben einem auch die Leute mit Ihrem Telefon einen Hotspot oder wie man das nennt, also verbinden ihr Telefon mit meinen damit ich Internet bekommen kann und haben also keine Angst von ihrer Seite dass ich als Ausländer eine Gefahr für Sie darstellen könnte.

In Petersburg sind viele Menschen schon oft nach Westeuropa gereist, das ist eigentlich das Wesentliche was sie jetzt vom Krieg mitbekommen, dass ihnen der Weg in den Westen versperrt ist. Umso verwunderter sind Sie, das ich aus dem Westen noch so einfach nach Russland reisen kann. Eine Frau im Zug hat drei Monate auf ihr Transit Visa durch Litauen nach Kaliningrad mit dem Zug gewartet, sie zeigte mir auch den Ausdruck mit Stempel als ich ihr erklärte dass ich in vier Tagen das Visa für Russland über Internet bekommen habe, – Gerechtigkeit?

Diskussionen

Der Zug nach Kirow ist rappelvoll das Restaurant leer und die endlosen Birkenwälder säumen den Wegesrand der Strecke.

Ich gerate in die Diskussion mit den Leuten im Waggon, ich sage es gibt das europäische Russland und das asiatische Russland, auf alten Karten aus der Zarenzeit überall zu finden. Nein meint Jemand, das wäre immer nur ganz Russland, ja, sage ich, es gab keine politischen Grenzen aber die Unterteilung war immer zu finden. Er hat recht ergänzt jemand, Kirgistan, Kasachstan, Armenien…. das war und ist asiatisches Russland.

Russische Karte des europäischen Russlands aus dem Ende der Zarenzeit um 1913

Dann die Frage zu Putin, wie ich das sehe, wie man in Deutschland das sieht, die Diskussion lebt auf im Zug, es wird lauter, man merkt die Meinung ist geteilt. Eine alte Frau fragt den anderen patriotischen Russen, kennst du eigentlich den deutschen Präsidenten? Nein, meint jemand, was sollte ich, Scholz heißt er sagte sie, keine Ahnung, aber sie ergänzt weiter, erst war Merkel dann war Scholz. Der eine meinte Putin wäre Russland, da hörte ich einige andere Leute murren und ich sage auch, Russland ist nicht nur Putin. Dann zeigt die alte Frau auf einen verdeckten Raum mit einer Decke verhangen, hob den Zipfel auf, und meinte mit großem Humor, das ist bestimmt der FSB, es war wirklich jemand dahinter.

Einer meinte noch vor ein paar Jahren waren die Grenzen zwischen Kasachstan und Russland offen das heißt man konnte mit einem Motorrad oder Trecker durch die Wälder fahren und dann in Kasachstan ankommen. Jetzt seien die auch alle kontrolliert.

Der Zug ist sehr modern, aber immer noch der Samowar im Mittelpunkt, heißes Wasser muss jederzeit zur Verfügung stehen. Die Toiletten erstaunlich sauber, immer mit frischen hochwertigen Klopapier versehen, da kann die Deutsche Bahn noch dazu lernen, vor allem was die exakte Pünktlichkeit betrifft.

Allerdings alkoholische Getränke verboten, nur im Restaurant erhältlich so ca. den doppelten Preis als im Supermarkt. Auf Nachfrage kann ich im Restaurant mein mitgebrachtes Essen verzehren wenn ich dort ein Bier kaufe.

Essen ebenso um die fünf bis sieben Euro, tja – früher war das Trinken von harten alkoholischen Getränken verboten heute alles Alkoholische, aber es gibt Ausnahmen. Der eine Mann trinkt Cognac die ganze Zeit aus mehreren kleinen Flaschen, er bietet mir auch was an, aber aufgrund meiner vorangegangenen Katharsis lehne ich mit dem Hinweis darauf dankend ab. Ich trinke zuerst ein Bier im Restaurant dann eins bei der Pause auf dem Bahnsteig die Schaffnerin meint, ja, aber aufpassen wegen Miliz, und nach ein paar Minuten kommen drei Polizisten vorbei, schauen skeptisch auf meine Dose in der Hand und dann meint die Schaffnerin, das ist in Ordnung, er wäre Deutscher als Tourist zu Besuch. Später habe ich noch zwei Dosen Bier im Gepäck welches ich dann auch unbescholten im Zug trinke.

Der junge Mann um die 30 der ein wenig Englisch konnte war ein Jahr in der Armee, er weiß nicht ob er eingezogen wird, er hofft nicht. Er hat keine Kinder, ist aber verheiratet, er meint dies wäre nicht mehr die Zukunft für Kinder deshalb hat er sich lieber nur einen Hund angeschafft. Er hört gerne die deutsche Gruppe Rammstein, er kennt Nietzsche und ist aber eher Nihilist, das heißt er glaubt nur an ein einmaliges Leben. Nun dann haben wir noch ein wenig weitere Musikgeschmäcker ausgetauscht und ich empfahl ihm noch Spliff bezüglich des einen Lebens, Textausschnitt vom Lied Herzlichen Glückwunsch:

Irgendwann im Keller
Glaubt ein junger Mann
Daß Benzin allein nicht brennen kann

Schau rauf zum Himmel diese Sterne
Sie seh’n aus wie Stroh
Komm laß sie uns verbrennen
Ich will es so”.

Warum tue ich mir das alles an? Weil ich eintauchen möchte in die Tiefe des Lebens der Menschen, und doch werde ich immer auf die pragmatischen Fragen zurückgeworfen die mir genau das Leben der Menschen fragwürdig und langweilig machen. Ein Ausweg gibt es nicht, das sieht er übrigens genauso wie ich, keine Religion, Nihilismus, wenn Russland über diese Stufe hinauswächst, wird es interessant oder besonders gefährlich. Was bleibt vom Denken? Die Tatsache durch Gespräche wie mit kleinen Steinen in den großen weiten See zu werfen, und somit etwas geringfügig zu verändern. Anregungen zu geben zum Verständnis vom menschlichen Dasein und eventuell auch vom gesamten Kosmos. Und zu erklären das wir immer wieder uns selbst durch Nationalismus, Religion und Gier zerstören.

Auto waschen und E-Zigaretten wie klein gedacht das sieht man nämlich in Russland an jeder Ecke. Wir wollen uns mit Waschmitteln reinwaschen und bauen eine Fassade in der wir selten wirklich sind. Bezüglich Russland sind die Empfehlungen der Menschen im Zug ich sollte den Baikal See, das Altaigebirge und vor allen Dingen Kamtschatka besuchen.Ich habe das Gefühl dass ich in meinem Alter dazu kaum noch in der Lage sein werde. Dann halt mal wieder gute Nacht.

Fortsetzung folgt als Teil 3

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