Alljährlich finden im Sommer die Domus Rigensis Tage statt, eine Veranstaltungsreihe kombiniert mit geselligem Beisammensein von Deutschbalten und Letten welche an ihrer teils gemeinsamen Geschichte interessiert sind. Der Verein Domus Rigensis hat seinen Sitz im Mencendorff Museum, welches ich vorab am 3. Juli 2026 besuchte um mir die Fotoausstellung zur Umsiedlung der Deutschbalten 1939 anzuschauen.

Ein seltsames Kapitel der deustchbaltischen Geschichte wo Generationen teils seit hunderte von Jahren im Baltikum heimisch, ihren angestammten Platz verliessen, weniger freiwillig, eher gedrängt durch Hitler und dem deutschfeindlichen lettischen Präsidenten Ulmanis, alles vor dem damals geheimen Ribbentrop – Molotow Pakt zwischen Nazideutschland und der bolschewistischen Sowjetunion. Den Gesichtern kann man ablesen das dort keinerlei Reisebegeisterung vorschwebte.



Es waren Bilder welche stark die Flucht aus Ostpreussen 1945 vorwegnahmen.


Allerdings wurde das alles in einem halbwegs ordentlich, bürokratisch geregeltem Rahmen abgewickelt.

Bei Betrachtung der Bilder kam mir unwillkürlich die Frage auf, was war mit baltischen Familien welche jüdische Wurzeln hatten, haben die es gewagt sich 1939 nach Deutschland zu begeben?
Anschliessen besuchte ich den Vortrag:
Die gläserne Wand. Zur Entfremdung zwischen Deutschbalten und Letten Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts von Prof. Dr. Māra Grudule
Den Begriff, Gläserne Wand wurde von Siegfried von Vegesack geprägt, in seiner Trilogie, die baltische Tragödie, welche 1935 veröffentlicht wurde und den ersten scharfen Schnitt zwischen Deutschbalten und dem neu entstandenen Lettland nach dem Ersten Weltkrieg schildert.
Die Trennung zwischen deutschbaltischer Oberschicht und den meist lettischen Bauern schlug sich auch in der Literatur nieder, selbst in den 20er Jahren der ersten lettischen Republik, wo einige lettische Werke auch ins Deutsche übersetzt wurden, oft vom bekannten Gulbis Verlag in Riga, blieb die Einstellung gegenüber lettischer Literatur auf das naturnah provinzielle Landleben beschränkt. Amüsant ist, das diese Sichtweise der Deutschbalten sich widerspiegelte in der Wahrnehmung von Reichsdeutschen gegenüber deutschbaltischer Literatur, welche in ihren Augen ebenso als kleinbürgerlich, spiessig, veraltet und provinziell galt. Bis auf den Namen Keyserling, Sudermann, Bergengruen haben baltische Schriftsteller kaum grössere Bedeutung in und ausserhalb Deutschlands erlangt. Märchen, Sagen und Volkslieder, gesammelt von lettischen Schriftstellern waren das einzig etwas verbreitete, übersetzte und bekannte.


Ein Buch wurde in dem Zusammenhang nicht erwähnt, welches schon früh versucht diese Trennung zwischen Deutschbalten und Letten zu schildern und Lösungsmöglichkeiten skizzierte, Georg Stein oder Deutsche und Letten von Johanna Conradi:

Dieses Werk nimmt eine absolute Sonderstellung ein. Es ist das erste literarische Werk der deutschbaltischen Literatur, das die komplexen, oft spannungsgeladenen Beziehungen zwischen der deutschbaltischen Oberschicht und der lettischen Bevölkerung direkt in das Zentrum der Handlung rückt. [1]
Das Buch zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Frühe soziale Analyse: Der Roman thematisiert die tiefe Kluft und die Trennung der beiden Kulturen mitten im gesellschaftlichen Umbruch des 19. Jahrhunderts.
- Die Figur des Georg Stein: Der lettische Protagonist (ursprünglich Akmeņu Juris) wächst in einer deutschbaltischen Familie auf, erhält eine gute Bildung, kann sich aber nie ganz in die deutsche Welt einfügen. Stattdessen zieht es ihn zurück, um für sein eigenes lettisches Volk zu arbeiten.
- Lösungskonzepte der Epoche: Johanna Conradi skizziert im Buch Wege zur Annäherung. Allerdings spiegeln diese stark den damaligen Zeitgeist wider. Die Autorin schlägt eine Emanzipation der Letten vor, die jedoch unter der pfleglichen Anleitung und Aufsicht des deutschbaltischen Bildungsbürgertums stattfinden
Ein bezeichnendes Zitat daraus, S. 99:
„Ich musste mich immer wieder fragen, wie ich schon mehr als einmal getan, ob es nicht besser für mich wäre, wenn ich, wie meine Voreltern, den Acker baute. Kann ich mich jemals zu frischem freien jugendmut erheben, die Freuden des Lebens ungetrübt genießen wie ihr Anderen? Habe ich eine Familie, wie ihr? Gehöre ich einem Volker an, wie ihr? Ich spreche eine Sprache, die mein Vater nicht versteht, ich denke sogar in dieser Sprache und vergesse meine Muttersprache!“
Und eventuell wäre auch noch zu erwähnen Edmund Virza mit seinem Buch Straumehni.
Während Johanna Conradi 1864 die Entwicklung der Letten noch skeptisch aus Sicht des deutschen Bildungsbürgertums betrachtete, emanzipiert Virza das lettische Volk in seinem Buch literarisch vollkommen.
Das Werk beleuchtet den historischen Kontext durch eine völlig neue Perspektive:
Das lettische Gehöft als eigener Kosmos
- Der Hof als Hauptfigur: Straumēni besitzt keine klassische, fortlaufende Romanhandlung. Der eigentliche „Held“ ist ein traditionsreiches, wohlhabendes lettisches Gehöft in der fruchtbaren Region Semgallen im 19. Jahrhundert.
- Unabhängigkeit von der Oberschicht: Virza beschreibt das Leben der lettischen Bauern, Mägde und Knechte als einen in sich geschlossenen, fast paradiesischen Kosmos. Die Menschen leben im ewigen, harmonischen Rhythmus der Jahreszeiten und der Feldarbeit. Die deutschbaltischen Barone oder die russische Obrigkeit spielen in diesem von Gott und der Natur geordneten Alltag im Grunde keine Rolle mehr – sie werden schlicht an den Rand gedrängt
