Fr. Jul 19th, 2024

Ukrainekrieg – Warum Europa eine neue Entspannungspolitik braucht, Rezension

Günter Verheugen zeigte sich auf der Buchvorstellung des Westend-Verlags am 11. Juni 2023 ziemlich ratlos. Der einstige EU-Kommissar, der u.a. über die Aufnahme der baltischen Länder in die Staaten-Union verhandelte und mit Petro Poroschenko Wodka trank, ist tief besorgt über das derzeitige Verhalten des Westens und insbesondere über das der Bundesregierung, die zugunsten einer militaristischen “Zeitenwende” alle Grundsätze der Entspannungspolitik über Bord warf, ja, diese sogar ächtet und derer sich so mancher in ihren Reihen inzwischen sogar selbst bezichtigt. Es ist gewiss nicht die erste Wendehalsigkeit, die sich Sozialdemokraten in ihrer, langen, nicht immer ruhmreichen Geschichte leisteten. “Kriegskredite” heißen jetzt “Sondervermögen”.

Youtube-Video: Buchvorstellung mit Günter Verheugen: Frieden in der Ukraine: eine Debatte, die es nicht gibt

War es Artis Pabriks, der lettische Politiker, der zu Beginn des Jahres 2022 noch als Verteidigungsminister amtierte, der Scholz den Floh von der “Zeitenwende” ins Ohr setzte? In der Bild-Zeitung hatte Pabriks behauptet: “Die deutsche Russland-Politik passt nicht in unsere Zeit” und empörte sich über die “pazifistische Nachkriegsphilosophie der deutschen Gesellschaft” (bild.de). Die Bild-Zeitung verhieß, dass die Worte des lettischen Ministers “Schockwellen bei den Verantwortlichen der deutschen Russland-Politik” auslösen dürften. Dieses Interview erschien am 25. Januar 2022. Einen Monat später überschritten russische Truppen die ukrainische Grenze und am 27. Februar 2022 verkündete Scholz die “Zeitenwende”.

Youtube-Video: Diskussion mit Klaus von Dohnanyi: Ukraine & Beyond – Werte oder Interessen? Deutsche Außenpolitik im Zwiespalt (2023)

Günter Verheugen beobachtet seitdem eine bedenkliche Diskursverengung in der deutschen Öffentlichkeit, die jeglichen Zweifel am unisono verkündeten Narrativ des Westens, das Nato-Kommunikationsstrategen formulieren, tabuisiert. Das Buch der Herausgeber und Mitautoren Sandra Kostner und Stefan Luft bezweckt, im Sinne einer neuen Entspannungspolitik den Raum des Sagbaren wieder zu erweitern. Dazu haben sie Autoren versammelt, an denen beliebte Etiketten wie des “umstrittenen Verschwörungstheoretikers” oder des “Putin-Trolls” kaum anhaften werden. Die erfahrenen Politiker Klaus von Dohnanyi und Willy Wimmer gaben Interviews. Historiker, Politikwissenschaftler, Ökonomen, Soziologen und Sprachwissenschaftler schrieben Beiträge, unter ihnen Wissenschaftler mit prominentem Namen wie Jacques Sapir oder Wolfgang Streeck. Dennoch riskieren sie, Opfer des journalistischen Rudels zu werden. Erinnert sei an den journalistischen Umgang mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die gegen Waffenlieferungen argumentiert, gegen sie veranstaltete die Propaganda-Talkshow “Markus Lanz” am 2. Juni 2022 ein regelrechtes Tribunal.

Youtube-Video: Strack-Zimmermann und Ulrike Guérot zu Waffenlieferungen und Friedenslösungen | Lanz vom 02.06.22

Zu den Tabu-Themen des Nato-Narrativs gehört, dass dieser Krieg wie jeder andere eine Vorgeschichte hat, in denen die Rollen nicht so wie es der Kriegspropaganda behagt, in gut und böse aufzuteilen sind. Einige Autoren beschreiben das problematische Verhalten westlicher Regierungen in den letzten Jahrzehnten, die das derzeitige diplomatische Versagen zu einem erheblichen Teil mit verantworten. Manche Zeitgenossen erinnern sich an den Titel der Scorpions “Wind of Change”, der für das Lebensgefühl Anfang der 90er Jahre stand. Nach dem Fall der Mauer schien vieles möglich, eine neue, auf Frieden basierte Weltordnung, eine wirkliche Sicherheitspolitik, die nur mit, nicht gegen Russland vorstellbar war. Michael Gorbatschow träumte vom “gemeinsamen Haus Europa” und ihm versprachen die Politiker des Westens, dass sich die Nato nicht nach Osten ausdehnen werde.

Youtube-Video: Außenminister Genscher neben USA Secretary Baker 1990 in Washington: Keine Osterweiterung der NATO

In diesem Artikel kann ich die zahlreichen Etappen der wieder beginnenden Entfremdung zwischen dem Westen und Russland, die schließlich im Ukraine-Krieg gipfelte, nicht zusammenfassen; sie werden von den Autoren sehr detailliert beschrieben. Im Rückblick erwies sich der Wind of Change im Baerbockschen Sinne als Wende um “360 Grad” mit dem Ergebnis eines neuen Kalten Krieges, der auch noch droht, über die Grenzen der Ukraine hinaus heiß zu werden. 2001 warb der heutzutage allgemein dämonisierte Wladimir Putin – gewiss ein Machtpolitiker, dem Skrupel fehlen, aber damit stellt er in den Reihen internationaler Machthaber keine Besonderheit dar – Putin warb in Berlin für eine Zusammenarbeit seines Landes mit den Westeuropäern, um eine Wirtschaftszone von Lissabon bis Wladiwostok einzurichten. Im Deutschen Bundestag erntete er stehenden Applaus.

Youtube-Video: Wladimir Putin – Rede am 25. September 2001 vor dem Deutschen Bundestag

In dieser Rede fragte sich Putin bereits, ob es normal sei, dass der Westen, die Nato über die Köpfe Russlands hinweg entschieden, aber nachher dessen Einverständnis voraussetzten. Dass er in seinem Land “demokratische Rechte” gewährleisten wollte, wird von seinen Kritikern bestritten, die behaupten, die Wiederherstellung des Imperiums, autokratisch regiert, sei von Anfang an sein Ziel gewesen; Kritiker der Kritiker meinen hingegen, dass dafür jeglicher Beleg fehle. Seine Gegner führen die Aussage von 2005 an, als er den Zerfall der Sowjetunion als “größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts” bezeichnet hatte. Das verwunderte angesichts des Leids, das der Zweite Weltkrieg gerade für seine Landsleute bedeutet. Putins Satz wurde von den Balten derart ausgelegt, als habe er die Absicht, die Sowjetunion territorial wieder herzustellen. Michael Gorbatschow wertete ihn anders und stimmte ihm im Wesentlichen zu (diepresse.com).

Youtube-Video: Willy Wimmer im Gespräch mit Albrecht Müller – Weit zurückliegende Ursachen des Ukraine-Krieges

CDU-Mitglied Willy Wimmer arbeitete in der Kohl-Regierung von 1988 bis 1992 als Parlamentarischer Staatssekretär des Verteidigungsministeriums und war später Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, die damals als Hoffnungsträger für eine gemeinsame Sicherheitspolitik zwischen Russland, den Osteuropäern und dem Westen galt und die heutzutage nur noch ein Schattendasein führt. Im Interview erinnert er sich, dass beim Abschluss der Charta von Paris 1992 die Bereitschaft zur Zusammenarbeit noch vorhanden gewesen sei. Doch dann gelangte die Doktrin des US-Verteidigungsministers Paul Wolfowitz an die Öffentlichkeit, die darauf zielte, auf dem Territorium der Sowjetunion “das Wiederauftreten eines neuen Rivalen” zu verhindern. Das verdeutlichte, dass die neokonservative Bush-Regierung weiterhin in Kategorien der geopolitischen Konkurrenz und der Hegemonialmacht agierte und sich nicht um Verständigung und Ausgleich bemühte, sondern sich als Gewinner des Kalten Kriegs sah. Wimmer bewertet das Verhalten der Bush-Regierung sehr kritisch:

Im ersten Quartal 1992 wurde aber unübersehbar, dass Washington einen radikalen Kurswechsel wollte. Radikal deshalb, weil er eine völlige Abkehr bedeutete, und zwar innerhalb sehr kurzer Zeit, von allen Vereinbarungen des NATO-Gipfels vom Sommer 1990, von den Versicherungen, die Gorbatschow hinsichtlich der NATO-Erweiterung mündlich gegeben wurden, und natürlich auch von der […] Charta von Paris.”1

Seitdem verstärkten US-Regierungen, nicht nur von Neocons geführte, die erneute Spaltung von Ost und West, doch die republikanischen Hardliner betrachtet Wimmer als Vorreiter:

Respekt vor historischen Empfindsamkeiten war und ist den Vertretern dieser Neocon-Doktrin ebenso fremd wie die Rücksichtnahme auf die nationalen Interessen anderer Staaten. Andere Staaten stellen sich entweder auf die Seite der USA, oder sie werden als Konkurrenten oder Feindstaaten ins Visier genommen.2

Deutschlands Weg in den Kosovo Krieg – Es begann mit einer Lüge – Doku aus dem Jahr 2010 – YouTube

Nato-Osterweiterung ab 1999, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato auf Jugoslawien, sogenannter War on Terror gegen Afghanistan, Libyen, Irak sind einige der westlichen Untaten, die dem Kurswechsel folgten und den Anspruch der USA verdeutlichten, unilateral den Planeten zu beherrschen. US-Präsidenten ließen in Polen und Rumänien Raketenabwehrsysteme installieren, kündigten Rüstungskontroll- und Begrenzungsabkommen, ignorierten stets die Einwände von russischer Seite. Politiker des Westens betrachteten sich in allgemeiner Selbstüberschätzung als Vertreter einer “regelbasierten Ordnung”, auf die Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner inzwischen pfeifen.

Youtube-Video: Ukraine-Krieg – Die Doppelmoral der “werteorientierten Demokratie” – Prof. Wolfgang Däubler (IGM)

Die Welt hat die Heuchelei des Westens, seine doppelten Standards satt. Mit der Absicht, Russland zu ruinieren, verhängte die EU bislang etwa ein Dutzend Sanktionsrunden; Jacques Sapir und Roland Springer widmen sich den Ergebnissen. Die Autoren gehen davon aus, dass sie sich zum Bumerang entwickeln, der insbesondere der deutschen Industrie zugunsten der US-amerikanischen Wirtschaft schadet. Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen, welches Land die Unterbrechung der Finanz- und Handelsbeziehungen, des Stopps der Energieimporte am meisten traf. Der Westen hat sich mit dem internationalen Appell, sich seinen Sanktionen anzuschließen, weitgehend isoliert. Scholz und insbesondere seine Außenministerin Annalena Baerbock erscheinen in Brasilien, Südafrika, Indien oder China wie lästige Hausierer für Schundware, denen man schnell wieder die Tür weist.

Youtube-Video: US-Strategie (auf deutsch) l George Friedman STRATFOR @ Chicago Council on Global Affairs

Erfahrene US-Diplomaten und Außenpolitiker hatten ihre Regierungen vor diesem Kurswechsel gewarnt. Sandra Kostner zitiert in diesem Zusammenhang u.a. William Joseph Burns, der von 2005 bis 2008 als Botschafter in Moskau amtierte und der wenige Monate vor dem Bukarester Nato-Gipfel seine Regierung vor einer schon damals geplanten Aufnahme der Ukraine ins Militärbündnis gewarnt hatte:

Der Beitritt der Ukraine zur NATO ist für die russische Elite (nicht nur für Putin) die dunkelste aller roten Linien. In den mehr als zweieinhalb Jahren, in denen ich Gespräche mit den wichtigsten russischen Akteuren geführt habe – von Scharfmachern in den dunklen Nischen des Kremls bis hin zu Putins schärftsen liberalen Kritikern – habe ich noch niemanden gefunden, der die Aufnahme der Ukraine in die NATO als etwas anderes betrachtete als eine indirekte Herausforderung für die russischen Interessen. Zum jetzigen Zeitpunkt würde ein Angebot für die Aufnahme ins NATO-Anwartschaftsprogramm nicht als technischer Schritt auf dem langen Weg zur Mitgliedschaft, sondern als strategischer Fehdehandschuh angesehen werden. Das heutige Russland wird darauf reagieren. Die russisch-ukrainischen Beziehungen werden sich dem Gefrierpunkt nähern […] Es wird einen fruchtbaren Boden für russische Einmischungen auf der Krim und der Ostukraine schaffen.3

Solche und viele weitere Warnungen wurden in Washington stets ignoriert. Kostner erwählt George Kennan, den Diplomaten, der im Kalten Krieg die Eindämmungspolitik gegen die Sowjetunion konzipiert hatte, als weiteren Kronzeugen ihrer Argumentation. Kennan hatte schon 1997 vor der Nato-Osterweiterung gewarnt, den er als verhängnisvollsten Fehler der US-amerikanischen Außenpolitik nach 1990 betrachtete, der die nationalistischen und militaristischen Tendenzen in Russland entfachen werde. Die Historikerin folgert derart, dass Transatlantiker empört sein dürften:

Hätte der Westen – allen voran die von geopolitischen Interessen geleitete Großmacht USA – auf seine Worte gehört, wäre der Ukraine mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erspart geblieben, dass ein russischer Präsident die Entscheidung traf, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen diesen geopolitisch wichtigen Scharnierstaat zwischen Ost und West zu führen.4

Dass die Nato es schaffte, die Aufnahme in ihr Bündnis, als “Sicherheit” darzustellen, verdeutlicht, dass nicht nur das Themenspektrum sich im Diskurs verengt hat, sondern auch das Verständnis der Begriffe. Baltische Politiker identifizieren Sicherheit mit Abschreckung, Aufrüstung und Nato-Mitgliedschaft. Dass das Vertrauen auf Militärisches das Gegenteil von Sicherheit bewirkte, vor allem für die Bevölkerung des Aufnahmekandidaten Ukraine, aber wegen der atomaren Bedrohung auch für alle übrigen Europäer, liegt außerhalb ihres Vorstellungsbereichs.

Youtube-Video: Staatsknete für die richtige Meinung – Küppersbusch TV

Die Frage, weshalb in der deutschen Öffentlichkeit der Ukraine-Diskurs sich auf die Breite eines Zirkushochseils verschmälert hat, auf dem jemand schon dem Absturz preisgegeben ist, der bezweifelt, dass Russland im Nachbarland Völkermord begeht, beschäftigt die Sprachwissenschaftlerin Sabine Schiffer. Sie beschreibt die Kriterien der Propaganda; ein Begriff, den Edward Bernays für moderne PR-Strategien definiert hatte, einerlei, ob er mit ihnen den durch die USA gewaltsam herbeigeführten Umsturz in Guatemala Journalisten als Freiheitsspektakel vermittelte oder emanzipierten Frauen die Zigarette als “Fackeln der Freiheit” darbot. Bernays hielt nichts von der tumben Masse. Um sie zu lenken, bedurfte es einer wissenden Elite.

Youtube-Video: Prof. Dr. Sabine Schiffer / Medien und Krieg / Propaganda machen immer die Anderen / Erlangen

Schiffer liefert einen Abriss zu den Manipulationen der Kriegsberichterstattung. Dass im Vietnam-Krieg Journalisten gewagt hatten, unabhängig von Regierungsstellen zu berichten und Ende der 60er Jahre die Fernsehzuschauer die Kriegsgreuel der eigenen Armee verfolgen konnten, war den Militärs eine Lehre. Im zweiten Irakkrieg von 1990 unterhielt General Schwarzkopf beinahe im Alleingang das TV-Publikum mit videospielartigen Vorführungen vom sauberen, chirurgischen Krieg. Heutzutage hat embedded journalism den Vorzug, was nicht selten bedeutet, den Blickwinkel und die Propaganda der betreuenden Armee zu übernehmen.

Youtube-Video: Propaganda – Wie man Lügen verkauft (2019)

Die Sprachwissenschaftlerin belegt an zahlreichen Beispielen, dass Propaganda keineswegs nur Angelegenheit des Feindes ist. Sie verbreitet sich bei internationalen Spannungen, bereitet Kriegseintritte vor und ist während eines Krieges auf allen Seiten allgegenwärtig. Sie weist auf den Betrug der Öffentlichkeit im Jugoslawien-Krieg hin, als gefälschte Bilder von angeblichen Massakern im Kosovo und Rudolf Scharpings Lüge von einer Hufeisentheorie, mit denen serbische Soldaten die Absicht verfolgt hätten, Kosovo-Albaner zu massakrieren, die deutsche Bevölkerung bis zur Kriegsbereitschaft desinformierte. Erst die NATO-Angriffe führten zu hohen Opferzahlen, zu den sogenannten “Kollateralschäden”. Niemand von den westlichen Angreifern hat sich dafür vor einem internationalen Strafgerichtshof verantworten müssen. Die NATO-Einmischung zugunsten einer Bürgerkriegspartei sicherte den USA den militärischen Zugang zum Balkan.

Wie die Taz einen Artikel eines Ukraine-Kriegsreporters manipulierte | Telepolis

Propagandadiskurse hüben wie drüben erkennt sie auch im gegenwärtigen Konflikt. Ein bekannter Spiegel-Online-Autor beschimpft recht locker Verhandlungsbefürworter als “Lumpenpazifisten”; wenn Medien über Gegner von Waffenlieferungen berichten, dann als eine aus der Zeit gefallene Kuriosität. Sowohl in Lettland als auch in Deutschland erwecken Medien den Eindruck, als ob nur Russland Propaganda verbreite und Informationen aus ukrainischen Quellen die reine Wahrheit darstellten. Zwar fügt man den Berichten über Greueltaten hinzu, dass man die Informationen nicht überprüfen könne, aber man sendet die emotionalisierenden Bilder doch gern und wiederholt, bis sie sich beim Zuschauer festsetzen. Als Nord Stream in die Luft flog, hatten die Sender gleich willfährige “Experten” zur Hand, die wussten: Nur Putin konnte es gewesen sein. Ein anderes Ergebnis, beispielsweise die Täterschaft der USA, hätte den Zerfall des westlichen Zusammenhalts bedeutet; das wollte Scholz offenbar nicht riskieren und die Leitmedien sekundierten ihm. Als Seymour Hersh dann doch Informationen über die Beteiligung der USA vorlegte, denunzierten ihn die Medien als “umstrittenen” Reporter, der seine Quelle nicht offenlege, legten ihrerseits eine Theorie vor, dass die Aktion, die bis dahin nur als Haupt- und Staatsaktion denkbar war, von privaten ukrainischen Aktivisten auf einer Segeljacht durchgeführt worden sei, mit der Quellenangabe haperte es aber ebenfalls.

Wie Propaganda mit Propaganda bekämpft wird – Tabula Rasa Magazin

Manipulierend sind auch die Euphemismen. Die serbischen Toten von Nato-Angriffen waren “Kollateralschäden”, der Einsatz der Bundeswehr in Mali hieß “Stabilierungsoperation” und Waffen werden nun sprachlich als Lebensretter gerahmt. Wer sich über berechtigte Kritik hinaus nicht an der Dämonisierung Putins beteiligt und seine Verbrechen nicht für singulär oder nur mit Hitler vergleichbar hält, riskiert bereits den diskursiven Absturz. Ebenso propagandistisch sind die doppelten Standards: Deutschland fordert Sanktionen und Strafmaßnahmen gegen Russland, weil es in der Ukraine einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt; gegen die USA, die gegen den Irak ebenso handelten, wagte eine deutsche Regierung solches nicht.

Youtube-Audio; er Krieg in der Ukraine wurde provoziert – von Jeffrey D. Sachs

Sabine Schiffer ist den Urhebern westlicher Propaganda-Narrative auf der Spur. Eine Rolle spielt das Nato-Stratcom-Büro in Riga, dessen Informationen von Medien wie die Nachrichten einer unbedenklichen Presseagentur verbreitet werden, als ob aufklärende Berichterstattung das Ziel von Militärs wäre. Die Berichte, die auf diese Art entstehen, wirken nur noch in der eigenen Bevölkerung; auf internationaler Bühne kauft niemand der Bunderegierung das Narrativ der doppelten Standards ab.

Die Folgen dieser Relativierung von Standards reduzieren die Glaubwürdigkeit westlicher Regierungen und schwächen die so Argumentierenden. Denn doppelte Standards können durch Gegenproben ermittelt werden, sie lassen sich nur schwer kaschieren. Wenn das Doppelmaß zum Standard werden soll, muss man es durch strategische Kommunikation absichern – was mit Vorwürfen von “Relativierung” oder “Whatsaboutism” versucht wird. Journalisten, die das “Fellowsprech” – also einstudierte Floskeln aus Strategiepapieren und Briefings beziehungsweise US-amerikanischen Thinktanks – thematisieren, werden mit derlei Vorwürfen bedroht, obwohl oder gerade weil sie echte Relativierungen aufdecken. Mit dem Abwehrbegriff “Putintroll” oder dem Ausdruck “verlängerter Arm Moskaus” steht quasi das letzte Mittel zur Verfügung, um stereotype Vorstellungen und das einmal geschaffene (Selbst-)Bild aufrechtzuerhalten.5

Youtube-Video: Rainer Mausfeld: Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?

Das Buch hat noch einiges mehr zu bieten, einen Beitrag zum transatlantischen Opportunismus der Grünen zum Beispiel oder das Interview mit Klaus von Dohnanyi, der den Grundsatz, mit Putin rede man nicht, besonders rigoros von den baltischen Regierungen verkündet, für einen Verstoß gegen die Vernunft hält. Es ist ein wesentlicher Beitrag zu einer Debatte, die laut Verheugen in der Öffentlichkeit nicht geführt wird. Insofern geht es den Autoren wie Kassandra, deren Warnung vor dem Krieg kein Gehör fand, hier mit den Worten von Christa Wolf formuliert:

Wer wird, und wann, die Sprache wiederfinden. Einer, dem ein Schmerz den Schädel spaltet, wird es sein. Und bis dahin, bis zu ihm hin, nur das Gebrüll und der Befehl und das Gewinsel der Gehorchenden. Die Ohnmacht der Sieger, die stumm, einander meinen Namen weitersagend, das Gefährt umstreichen. Greise, Frauen, Kinder. Über die Gräßlichkeit des Sieges. Über seine Folgen, die ich jetzt schon in ihren blinden Augen seh. Mit Blindheit geschlagen, ja.

(Christa Wolf: Kassandra; Darmstadt, Neuwied 1986, S. 10f.)

Quelle der Zitate: Sandra Kostner, Stefan Luft (Hgg.): Ukrainekrieg – Warum Europa eine neue Entspannungspolitik braucht, Frankfurt 2023.

1 S. 165

2 S. 166

3 S. 62

4 S. 56

5 S, 250f.

2 Gedanken zu „Der unerhörte Kassandra-Ruf“
  1. Danke für den Überblick. Wie man hier liest, ist besonders die vormals linke taz am Tiefpunkt angekommen. Wenn ich mich recht entsinne, hieß es von der Linken einmal, Arbeiter schießen nicht auf Arbeiter. Will heißen, die Verlierer sind die kleinen Leute auf beiden Seiten, die Gewinner die mächtigen Drahtzieher, die nicht aufs Schlachtfeld müssen. Auch das auf beiden Seiten. Ich denke, wenn die taz noch links verortet ist, dann wohlstandslinks. Da, wo das woke Berlin Abonnenten verspricht und sich morgens um 10 mit der taz auf die Couch kuschelt, während der Kaffeevollautomat mit Latte Crema-Milchsystem gemütlich schmurgelt. In der Zeit haben wieder ein paar Menschen an der Front ihr Leben gelassen.

  2. Ach, Kassandra du bist immer im Recht.  Hat sie sich auch bei ihrem Bruder  Paris beschwert, der den 10-jährigen Krieg losgetreten hat?

    Ich greife bei deinem unendlich mit Verweisen angereicherten Artikel das Kapitel ‚Kosovo‘ heraus. So weit ich mich erinnern kann, wurde schnell nach den Ereignissen die Begründung für das deutsche Eingreifen in Frage gestellt, endlich wieder Krieg spielen!  Die Kriegspropaganda hat uns ausgetrickst.  
    Das Kriegsgeschehen im  ‚Kosovo‘  war jedoch nur ein Teil der Jugoslawienkriege (man beachte den Plural!), in dem es auch u.a. Sebrenica und Sarajewo gab. Warum also kein größeres Bild zeichnen!?!  Der Kosovo war nur ein Teilstück. Dazu ein Rückblick der SZ unten. Auf dem Balkan gab es mehr als einen Aggressor.

    Für mich ist Russland ein imperialer Aggressor (Afghanistan, Tschetschenien, Georgien), so wie die USA ein imperialer Aggressor ist – eine höchst primitive Formel, ich gebe es zu. Ich bleibe dabei Propagandawust hin oder her. Es gibt noch mehr Aggressoren anderswo in der Welt. Es sind nicht die einzigen. 

    Im Fall des Imperialismus der Vereinigten Staaten hat sich nach und nach der ganze südamerikanische Kontinent davon befreit. Die weiteren ‚militärischen Operationen‘ der Superpower in allen möglichen anderen Ländern wurden ausführlich beschrieben und hinterfragt. 
    Ich habe auf ARTE eine vielteilige Serie zum Vietnamkrieg von FRONTLINE gesehen, sowie letztens eine zweiteilige Dokumentation zum Klu-Klux-Klan. Ein schönes Gegengewicht zur Serie der Gulags. 

    Ebenso wenig wie Amerika hat Russland ein Recht auf den ewigen Besitzstand eines riesigen Kontinents mit den unterschiedlichsten Staaten und Völkerschaften. Wenn es eine Einigung von Wladiwostok nach Lissabon wünscht? Gut, aber auf dem Weg der Kooperation und mit friedlichen Mitteln, nicht Drohungen und Daumenschrauben. Es wäre viel gescheiter ein Gegengewicht zu China zu bilden. 

    Warum soll es keine Ukraine geben, die selbst darüber bestimmt wie sie ihren Staat gestaltet? Und wenn es Gebiete gibt, die nicht mit von der Partie sein wollen, dann mögen diese darüber abstimmen, aber unter internationaler Kontrolle.

    Die Nervosität der ehemaligen Sowjetstaaten im Westen angesichts eines neuen ‚Zaren‘ und seinen Begehrlichkeiten ist auch nachvollziehbar.  Die kennen das seit Jahrhunderten! B.

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