Fr. Feb 23rd, 2024
Coverbild des Buch von Philip Ruff übwe Peter the Painter

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“, Teil 1

„Schau, was für ein böser Kerl. Der sieht genauso aus wie Peter the Painter!“ Das sagte Philip Ruffs Großmutter, wenn sie ihm unheimliche Typen zeigte1. Peter the Painter ist der bekannteste Lette in England, der vor dem Ersten Weltkrieg im Londoner Armenviertel East End sein Unwesen trieb. Noch heute tragen Pubs und Tapeziergeschäfte seinen Namen. Der kleine Philip wusste nicht, ob es sich um einen Kobold oder ein Schreckgespenst handelte. Später erfuhr er, dass dieser Lette tatsächlich gelebt hatte. Fortan wurde die Erforschung seiner Biographie zu Ruffs Leidenschaft. Peter the Painter wurde als Kopf einer Bande berühmt und berüchtigt. Die Gruppe bestand aus Letten, die aus dem Zarenreich geflohen waren. Am 3.1.1911 belagerten 750 Männer der Polizei und der schottischen Garde ihre Wohnung in der Sydney Street 100. Die Einwanderer aus dem Osten hatten mit Raubüberfällen und Schusswechseln auf sich aufmerksam gemacht. Einige Tage zuvor waren sie bei dem Einbruch in ein Juweliergeschäft gestört worden. Drei Polizisten wurden erschossen, zwei schwer verletzt, auch einer der Räuber starb, wahrscheinlich durch `friendly fire`. Als die Polizisten seine Leiche fanden, entdeckten sie aufschlussreiche Papiere. Der Tote war Mitglied einer Gruppe namens „Liesma“ gewesen, was auf Lettisch „Flamme“ bedeutet. Peter the Painter war der Kopf der Bande. Die Polizei erhielt einen Hinweis auf ihre Wohnung. Die Sidney Street glich am dritten Tag des Jahres 1911 einer Eventbühne. Ein Rudel Gaffer versammelte sich und wollte vom bevorstehenden Spektakel nichts verpassen. Auch der junge Innenminister Winston Churchill wollte sich nach sieben Stunden Belagerung diesen Polizeieinsatz nicht entgehen lassen. Er wurde später für seine leichtsinnige Neugier scharf kritisiert. Der stundenlange Schusswechsel begann, womöglich traf eine Kugel die Gasleitung. Das Haus der Bande brannte aus, doch niemand kam hinaus. Man fand die Leichen zweier Bandenmitglieder, doch Peter the Painter war entkommen. Er wurde der am meisten gesuchte Lette Großbritanniens. Bis heute fehlt von ihm jede Spur. „Liesma“ war keine gewöhnliche Diebesbande. Die Gruppe nannte ihre Überfälle „Expropriationen“, also Enteignung von Privatbesitz. Peter the Painter wurde als Janis Zaklis in Lettland geboren. Die ungerechten Verhältnisse in seiner Heimat, die damals noch zur russischen Ostseeprovinz gehörte, machten ihn zu einem führenden Revolutionär von 1905. Bald darauf brach er mit der sozialdemokratischen Partei und gründete eine anarchistische Gruppe. Ruff erforschte Janis Zaklis` Leben, entlarvte manche Mythen, rekonstruierte in Archiven und in Gesprächen mit Nachfahren diese abenteuerliche Biographie. Die Belagerung der Sydney Street wurde mehrmals verfilmt und auch ein Eintrag in der deutschen Wikipedia ist vorhanden. Kaum bekannt ist Zaklis` Vorgeschichte in Lettland, seine Kindheit in Kurland, seine Aktivitäten im revolutionären Riga. Ruff hat Zaklis` Leben in Lettland ausführlich in den ersten Kapiteln seines Buchs „On A Towering Flame to Heaven – The life and times of the elusive Latvian anarchist Peter the Painter“ recherchiert, leider wurde es 2012 nur in lettischer Übersetzung veröffentlicht.2 Die Lektüre gibt Aufschluss über die damaligen Verhältnisse in der Ostseeprovinz und man erfährt die Gründe, weshalb die Letten den Aufstand wagten.

Talsi am See, Foto: Chmee2, Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wie der Pfarrer Grins seinen Kutscher aufhängte“

Talsi (deutschbaltisch: Talsen) war 1902 ein verschlafener kurländischer Flecken, wo die deutschbaltischen Barone den Herrn lobten und die lettischen Bauern sich fügten und annahmen, was ihnen der Pastor auf der Kanzel erzählte3. Doch am ersten Weihnachtsmorgen lasen die christlichen Schäfchen auf den Kirchenmauern Unerhörtes: „Lange genug habt ihr uns zum Narren gehalten und zum Schlafen gebracht, ziemlich lange schon wird auf den Retter und Erlöser aus dem Himmel gewartet…“ Zudem fanden die Kirchgänger Flugblätter mit der Schlagzeile: „Wie der Pfarrer Grins seinen Kutscher aufhängte“. Es ist anzunehmen, dass Grins, Pastor in Arlava (Arwallen) auf deutsch Grün hieß. Er gehörte also zur der deutschbaltischen Oberschicht aus Adel und Klerus, an dem sich der Hass entfachte. Grins habe im Streit mit seinem Kutscher diesen vom Bock gestoßen. Der Streit mit seinem Herrn habe den lettischen Diener derart erschüttert, dass er sich in der Scheune erhängte, so berichteten die Flugblattschreiber über sein tragisches Ende. Solche Schriften verbreiteten sich rasch in Kurland, bis nach Kandava (Kandau) und Sabile (Zabeln), sogar bis nach Engure (Angarn) an der Ostseeküste. Ihre Urheber waren junge Leute, ihr Anführer Janis Zaklis. Sie wagten es, die ungerechten Verhältnisse einer überkommenen Ordnung anzuprangern. Ihre Arbeit zeigte Wirkung. Bald schon erhoben sich lettische Landarbeiter, die mit fauligen Kartoffeln entlohnt worden waren.

Fronarbeit lettischer Landarbeiter auf einem deutschbaltischen Gutshof, Urheber der Zeichnung unbekannt, Foto: wikipedia.de.

Hass auf Autoritäten

Janis Zaklis wurde am 19. Juli 1883 als drittes von sechs Kindern in der Nähe von Talsi geboren. Seine Eltern waren lettische Bauern, die es zu einem eigenen Hof gebracht hatten. Seine lettischen Landsleute waren zwar keine Leibeigenen mehr, doch meistens blieben sie landlos, sich einen kleinen Besitz zu erwirtschaften war schon ein Aufstieg. Die Ärmeren mussten sich weiterhin auf den Feldern der deutschbaltischen Barone oder in den rasch wachsenden Industriestädten Riga und Liepaja (Libau) verdingen. Aus den Gutsherren waren Vorgesetzte geworden, aus den Leibeigenen prekär Beschäftigte4. Zaklis und seine Gesinnungsgefährten fanden die angeblich von Gott gewollte soziale Ordnung, die auf der Kanzel gerechtfertigt wurde, ungerecht und demütigend. Dagegen vorzugehen bedeutete Kampf gegen eine Übermacht, denn hinter dem deutschbaltischen Adel stand der Zar, der diese Ordnung mit Polizei und Soldaten verteidigte. Wieso war Zaklis vom Pfad der christlichen Herde abgekommen? Philip Ruff nennt Biographisches5. Ein Baron habe mit einer Verwandten der Familie Zaklis ein uneheliches Kind gezeugt und diese mit Land abgefunden. Das heimliche Verhältnis habe zu Verwicklungen geführt, die der Grund für Janis` Hass auf die Barone gewesen sein könnte. Genauere Angaben macht Ruff leider nicht. Offenbar fehlen Briefe oder sonstige Quellen, die über Janis` innere Beweggründe Auskunft geben könnten. Zudem führt der Autor Janis` Mutter an, die wegen ihrer jüdischen Herkunft von der Verwandtschaft nicht gemocht worden sei – der Zusammenhang mit dem entstehenden Hass bleibt unklar – zudem die Großmutter, die eine Abneigung gegen die reichen Gutsbesitzer gepflegt, unter der Beschränktheit des Landlebens gelitten und jegliche Autorität angezweifelt habe.

Dienstmädchen in der Stadt Halle. Junge Frauen mussten sich im 19. Jahrhundert in Europa häufig auf diese Art verdingen. Wurden sie vom Dienstherren oder dessen Sohn geschwängert, galten sie als “gefallene Mädchen”, Foto: Urheber unbekannt, Gemeinfrei, Link.

Verbotene Literatur aus Deutschland

Wer sich im Hass suhlt, bleibt ohnmächtig oder schlägt wild und sinnlos um sich. Erst mit Bildung wächst aus der Abneigung gegen willkürliche Herrschaft und ungerechte Besitzverhältnisse eine Strategie, diese zu bekämpfen. Janis Zaklis gehörte seinerzeit zu den Privilegierten, die es bis zum Gymnasium schafften. Seine Eltern wirtschafteten offensichtlich derart erfolgreich, dass sie ihrem Sohn das teure Schulgeld bezahlen konnten, ein Onkel aus Weißrussland half dabei. Bereits auf der Dorfschule von Jaunmuiza (Adselneuhof) lernte er unter den Lehrern einen Querkopf kennen, Gustavs Lacis. Er wird später, während der Revolution von 1905, zu den Aufwieglern von Talsi gehören. Kritiker argwöhnen, dass der Staat das Schulwesen nur deshalb einrichtet, um seine Ideologie zu verbreiten (z.B. Freerk Huisken). Doch im Lehrkörper befinden sich oft Sonderlinge, die ihre Zöglinge zum selbstständigen Denken und zur Kritik anregen. Als Sechzehnjähriger besuchte Janis das Gymnasium von Kuldiga (Goldingen). Die Schüler kamen meistens aus vermögenden deutschsprachigen Familien, doch der Zar hatte Russisch als Unterrichtssprache verfügt. Die höheren Lehranstalten der Ostseeprovinz waren auf Sprachen eingestellt, neben Altgriechisch und Latein standen auch Russisch, Deutsch und Französisch auf dem Lehrplan. Nur Janis` Muttersprache, das Lettische, fehlte. Der Beflissene lernte Geige spielen, zeichnete und versenkte sich in den Büchern, sprach bald mehrere Sprachen fließend. Ruff vermutet6, dass ein Gymnasiallehrer deutscher Herkunft ihn mit revolutionärer Literatur vertraut gemacht habe. Derartige Bücher und Zeitschriften wurden damals aus Deutschland eingeschmuggelt. So lernte er, den Widerstand zu organisieren. Das Gymnasium verließ er 1901 ohne Abschluss. Ruff rätselt, ob Geldmangel oder eine schwache Gesundheit der Grund war, vielleicht war es auch seine revolutionäre Gesinnung, die ihn zur Tat anstachelte.

Denkmal für den lettischen Dichter Janis Rainis in Riga, Foto: ScAvenger, Eigenes Werk, GFDLdisclaimers, Saite

Was waren das für Schelme?“

Janis traf in Talsi auf einen Namensvetter, den Buchhändler Janis Lindis. Die beiden gründeten dort die erste sozialistische Organisation. Julijs Kazmers, Lehrer in einer russisch-orthodoxen Schule, gesellte sich hinzu. Er stellte den Kontakt zur illegalen Lettischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation in Riga her, die drei leiteten deren Komitee in Talsi. Sozialistische Ideen verbreiteten sich in ganz Lettland. Lettische Intellektuelle, unter ihnen Janis Rainis, hielten Vorträge und gründeten Zeitschriften. Ihre marxistische Bewegung nannten sie „Jauna strava“, die neue oder junge Strömung. Linde schrieb in seinen Erinnerungen 1925, dass die jungen lettischen Bildungsbürger und deren Leser den Aufruhr verursachten, Ruff zitiert ihn: „Was waren das für Schelme, Waghalsige, die sich erdreisteten, gegen die Herren und die Kirche aufzustacheln? Gewiss, das waren keine Kleinbürger von Talsi, das konnten nicht jene selbstgenügsamen Spießer von Talsi oder ihre Sprösslinge sein. Das war die ländliche Jugend, – ein Teil der Intelligenz, die in einigen Anstalten Talsis als Beamte arbeiteten und die Landschullehrer der Umgebung, junge Männer, die schon dies und das gelesen hatten, wussten, wie das übrige Landvolk lebte, für welches sie größere Freiheiten forderten.7“ Die Letten waren viel gebildeter als der Durchschnitt im Zarenreich. Das hatten sie nicht zuletzt Mitgliedern jener Klasse zu verdanken, der nun der Hass galt. In den Jahrhunderten seit der Reformation hatten deutschbaltische Geistliche, aufgeklärte Mitglieder des Adels und die Missionare der Herrnhuter – gewollt oder ungewollt – durch Verschriftlichung des Lettischen und durch Schulgründungen zur lettischen Emanzipation beigetragen. Diesen Hintergrund erläutert Ruff nicht, er schildert aus der Perspektive der Aufrührer, die für ihren Protest, der auf einem Feindbild basierte, manchen berechtigten Grund hatten. Denn die Barone zeigten sich nicht bereit, Besitz und Macht zu teilen.

Zar Nikolaus II. bei einem Besuch in Riga am Schwarzhäupterhaus 1910. Er galt als autoritärer Herrscher, der kein Erbarmen mit den unterdrückten lettischen Bauern hatte. Foto: Urheber unbekannt, Saite.

Der rasche Weg in den Untergrund

1903 verbreitete das Komitee den Aufruf „An alle Landarbeiter!“8 Sie wurden aufgefordert, sich im Kampf gegen die Barone zu vereinigen, später druckten die Sozialisten von Talsi die Monatszeitschrift „Socialdemokrats“. Das alles war natürlich verboten und schließlich kam ihnen die Polizei auf die Spur. Zaklis flieht nach Weißrussland zu seinem Onkel. Dort haben sich die Arbeiter ebenfalls organisiert. Janis beteiligt sich an Aufständen und Streiks in Bobruisk; er gehört zu den Scharfmachern. Im Mai 1904 wird er festgenommen. Man wirft ihm den Besitz verbotener Schriften vor. Die Polizisten überstellen ihn an das Untersuchungsgefängnis in Minsk. Nach einigen Monaten kommt er nach Zahlung einer Kaution frei. Er hält sich in Abele in Kurland auf, wo sein Vater Land gepachtet hat. Zaklis übernimmt Malerarbeiten, wird von der Polizei beobachtet. Er ist krank, Gefährten sind ins Ausland geflüchtet. Ende November 1904 wird der Prozess gegen ihn aus Mangel an Beweisen eingestellt. Die Polizei verliert ihn aus den Augen. Fortan agiert Zaklis im Untergrund, geht nach Riga und wird ein Anführer der kommenden Revolution. Darüber demnächst mehr im zweiten der insgesamt vier Teile.

Das lettische Vorleben des Anarchisten “Peter the Painter”

1. Janis Zaklis, ein kurländischer Schüler der Revolution

2. Janis Zaklis als Mernieks, Revolutionär in Riga

3. Die Brandstifter

4. Zaklis` Wandlung zum Anarchisten

Quellen:

1 Kristine Sadovska, See how Latvians BURN when they catch fire! (www.katesharpleylibrary.net/fxpq1f)

2 Inzwischen liegt es auch in einer englischen Fassung vor: janis zaklis | anarchistnews.org

3 Filips Rufs, Pa stavu liesmu debesis. Nenotverama latviesu anarhista Petera Maldera laiks un dzive, Riga 2012, S. 39

4 Diese Formulierung ist von Charlotte Bruneaus Bericht über den französischen Postkolonialismus entlehnt worden, http://www.deutschlandfunk.de/krise-in-den-franzoesischen-ueberseegebieten.724.de.html?dram:article_id=391164

5 Rufs, S. 35ff

6 Rufs, S. 37

7 Zit. nach Rufs, ebd. S. 39

8 Rufs, S. 40

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