Das Wort „Euthanasie“ ist mit dem NS-Massenmord an Psychiatriepatienten verbunden. In der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass die deutschen Besatzer auch in den eroberten Gebieten jene ermordeten, die sie für „lebensunwertes Leben“ hielten, u.a. in Lettland. Am 8. Januar 1942 erschossen sie 443 Insassen einer der größten psychiatrischen Kliniken des Landes, Gintermuiza bei Jelgava.
„Der Krieg ist in eine entscheidende Phase getreten, und den Soldaten mangelt es an Nahrungsmitteln. Wenn es darum geht, woher man diese nehmen soll, ist die Antwort einfach: Man muss sie denen wegnehmen, die nicht arbeiten, aber große Mengen an wertvollen Nährstoffen verbrauchen, die für die Soldaten so dringend benötigt werden. Es gab nur einen Weg, um diese schmerzhafte Frage zu lösen – diejenigen zu beseitigen, die in diesem entscheidenden Moment des Kampfes für das Volk und den Staat eine überflüssige Last darstellen. Unter Beteiligung Ihrer Vertreter beschloss die Kommission, die Bewohner von Ģintermuiža zu beseitigen, was auch bereits geschehen ist.“ (santa.lv)
Das erklärte laut einem Bericht der lettischen Nachrichtenagentur Leta ein Vertreter der deutschen Besatzer vor etwa 40 Ärzten, die in den Versammlungssaal des städtischen Krankenhauses von Jelgava (deutsch: Mitau) einberufen worden waren. Das Zitat verdeutlicht das brutale Menschenbild nach dem Motto „Du bist nichts, dein Volk ist alles“. Der einzelne hat durch (Lohn-)Arbeit nützlich zu sein für Staat und Volk, besonders in Kriegszeiten. Nicht Arbeitende gelten als unnütze Last, die kein Recht auf Leben haben. Dementsprechend wurde die Todesliste zusammengestellt: Über 60jährige, Strafttäter, jüngere Patienten, die als „unheilbar“ galten. Nicht nur für NS-Ideologen, auch für Psychiater war ein wichtiges Kriterium psychischer Erkrankung, „nicht arbeitsfähig“ zu sein. Etwa 200 Patienten blieben verschont, weil sie arbeiten konnten. Aus heutiger Sicht leisteten Psychiatrie-Insassen einen Beitrag zum Frieden: Da sie Ressourcen verbrauchten, die nicht für die deutschen Raubzüge zur Verfügung standen, behinderten sie die Angreifer.
2015 wurde am Tag des Massenmords am Tatort ein Gedenkstein eingeweiht, in dem die Namen der Opfer eingraviert sind. Die Opfer wurden in einem Waldgebiet erschossen. Ein Angehöriger erinnerte sich über lettische Versuche, die Betroffenen zu retten: „Als die Deutschen kamen, wurden Bescheide verschickt, wer Verwandte hatte. Und innerhalb von zwei bis drei Tagen musste man [aus der Klinik] entlassen werden. Unsere Verwandte war auch dabei, aber bis die Nachricht kam. Es gab keine Post, die Boten kamen mit Pferden. Und bis sie mit dem Pferd nach Jelgava fuhren, war schon alles vorbei.“ (lsm.lv)
Nicht nur die Patienten von Jelgava wurden Opfer der NS-Gewalt. Deutsche SS-Täter, die oftmals lettische Helfer hatten, vernichteten auch die Insassen anderer Kliniken, die damals oft noch „Irrenanstalten“ genannt wurden. Die lettischen Medien beschreiben das damalige Verbrechen oft im Passiv, also ohne Nennung der konkreten Täter. Gewiss waren Deutsche die Haupttäter, ob sich auch in Gintermuiza lettische Helfer beteiligten, bleibt unklar. Laut Darstellung der Zeitzeugen blieben nach Kriegsende unter sowjetischer Besatzung solche Morde in der Öffentlichkeit tabu. Es ist bekannt, dass die Sowjets NS-Verbrecher hart bestraften.
Mittlerweile erinnert sich die lettische Öffentlichkeit an die Tage der Massenerschießungen. Arturs Berzins, der das Museum der noch bestehenden Klinik Gintermuiza leitet, hält das Gedenken für ein moralisches Gebot: „Die Patienten von „Ģintermuiža“, die (…) hier ermordet wurden, sind der Beweis dafür, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Deshalb hat das Krankenhaus „Ģintermuiža“ diese moralische Verpflichtung.“ (retv.lv)
Diese moralische Verpflichtung sind keine leeren Worte in einer Zeit, in der öffentlich im Geist von gestern kommentiert werden darf. Thread.com veröffentlichte am 10. Januar 2026 unter einer Notiz des ÖRR-Info-Portals LSM zum Thema folgenden Kommentar von „kristians sotaks“: „Es ist vielleicht nichts wirklich Verwerfliches daran, wenn sie tatsächlich unheilbar und unbrauchbar sind. Eine unnütze Last für Gesellschaft und Budget.“ Ist das ernst gemeint oder provozierende Satire?
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29.1.1942: Ein Tag des Massenmords an lettischen Psychiatriepatienten – Lett-landweit