Lettland hat am 1. August 2025 seine Verkaufsbestimmungen für alkoholische Getränke verschärft. Fortan dürfen Ladenbesitzer Alkoholisches nur noch in der Zeit zwischen 10 und 20 Uhr anbieten, sonntags nur bis 18 Uhr. Zudem ist es untersagt, mit Sonderangeboten auf Bier, Wein und Spirituosen Kunden zu locken. Der lettische Konsument ist innerhalb der EU in puncto Alkoholverbrauch Spitze. Dies missfiel der Regierung und sie kam auf die Idee der Teilzeit-Prohibition. Der Schuss könnte nach hinten losgehen.
Man erinnert sich an entsprechende Regierungsverbote aus dem 20. Jahrhundert: Als die US-Regierung in den 20er Jahren Alkoholisches verbot, war das ein Jungbrunnen für die Mafia. Als Michael Gorbatschow den Sowjetbürgern in den achtziger Jahren das Wodka-Trinken verleidete, erwies sich diese erneute staatliche Drangsalierung als weiterer Sargnagel für die Sowjetunion. Nun versucht sich die bürgerliche Regierung Lettlands an einem ähnlichen Projekt, das Kunden bevormundet.
Ladenbesitzer beobachten, dass die Käufer ihre Besuchszeiten ändern. Sie erscheinen nun nicht mehr vor 10 Uhr und auch am späten Abend bleibt die Kundschaft aus. LSM-Journalistin Silvia Smagare befragte dazu Kunden und Geschäftsinhaber in der lettgallischen Provinz. Ein Kunde meinte, dass nun sein Tagesablauf gestört sei, weil er die Läden nicht mehr vor 10 Uhr betrete. An seinem Alkoholkonsum habe sich aber nichts geändert: „Die Entscheidung der Regierung wird nichts bewirken, diejenigen, die tranken, werden weiter trinken. Auch Jugendliche werden jemanden finden, der ihnen Alkohol kauft, wo er ihnen nicht verkauft werden darf.“ (lsm.lv)
Alkoholkonsum in ausgewählten EU-Ländern pro Kopf in Litern, Jahr 2022
Lettland | 11,9 |
Spanien | 11,8 |
Rumänien | 11,6 |
Tschechien | 11,6 |
Österreich | 11,6 |
Estland | 11,2 |
Litauen | 11,2 |
Polen | 11 |
Frankreich | 10,8 |
Deutschland | 10,6 |
Irland | 10,2 |
Niederlande | 8,5 |
Italien | 7,7 |
Schweden | 7,5 |
Griechenland | 6,3 |
Vgl.: Infografik: So viel Alkohol wird in Europa getrunken | Statista
Auch wenn der Konsum alkoholischer Getränke sich angeblich nicht verringert hat, machen sich die Einzelhändler und ihre Mitarbeiter Sorgen um den Umsatz. Laut einer Umfrage von Latvijas Radio glauben sie, dass zwar die Regierung mit diesem Verbot am Alkoholkonsum nichts ändere. Aber sie fürchten, dass die Freunde des Hardcore-Alkohols zu den Tockas abwandern, so nennt man Verkaufsstellen, die illegal hergestellte Spirituosen billig anbieten. Statt dessen mindere das Gesetz den Umsatz jener, die alkoholische Getränke legal und versteuert verkaufen. Die Händler fürchten zudem, dass sie ihre litauische Kundschaft verlieren, die bislang vor den Beschränkungen im eigenen Land über die Grenze floh. Ladenbesitzer erwägen, ihre Öffnungszeiten auf die Stunden des Alkohols zu reduzieren.
Eine solche Regierungsmaßnahme ist ein Zeichen von Aktionismus. Eine wohl überlegte Politik müsste erst einmal die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erkunden, weshalb die eigenen Bürger zur Flasche greifen. Eine Antwort (gewiss nicht die einzige) liegt in den demütigenden Rahmenbedingungen der Wettbewerbsgesellschaft, die Erwerbslose und Geringverdiener in die psychische Krise führt. Erinnert sei an die verlorene Männergeneration zur Wendezeit, als Arbeiter über Nacht ihren Fabrikjob verloren und nur noch schwer eine neue Stelle finden konnten. Die Wodka-Flasche bot letzten Trost und Halt. Lettlands soziale Ungleichheit ist eine der höchsten innerhalb der EU. Da sollten die Herrschenden über den Tranquilizer Alkohol froh sein.